Neues vom Glöckner

"Ihr Verlust ist unser Vertrauen"

Die kränksten Jahre der Menschheit LIII


Wenn er dies sehe, kämen ihm die Tränen, sagte mir unlängst ein junger Mensch, dem ich zufällig auf dem Gelände des ehemaligen Gewerbehofs an der Gotenstraße in Schöneberg begegnete. Was hier wie seit Urzeiten verlassen aussieht, war bis vor kurzem ein Ort emsigen Schaffens. Wie eine große Familie sei man hier gewesen, habe friedlich miteinander gearbeitet und gefeiert, mehrere Generationen zusammen. Doch dann habe die alte Dame, der das Gelände gehörte, entgegen früherer Versprechungen doch verkauft an den Investor aus den USA. Keine Sorge, habe sie gesagt, da würde sicherlich in den nächsten ein/zwei Jahren nichts passieren. Eine Woche später kamen die Kündigungen.


Der Investor, das sei derselbe, der auch schon das Wohnsilo auf der gegenüberliegenden Straßenseite gebaut habe. 1.900 Euro bezahle man da pro Monat für eine Wohnung. Ob dies stimmt, kann ich leider nicht nachprüfen, da ich niemanden kenne, der freiwillig in diesen Schuhkartons wohnt.


Gut, der Teil der Gotenstraße, der außerhalb des S-Bahn-Rings liegt, bot in den letzten Jahren schon einen grotesken Anblick. Auf der einen Straßenseite die neue, geleckte, in Windeseile aus dem Boden gestampfte Schuhkartonarchitektur für „gehobenes“ 08/15-Wohnen, auf der gegenüberliegenden die kleinen Gebrauchtwagenhändler und Werkstattbesitzer mit ihren „Luxuskarossen“, die zum Teil noch aus der Zeit stammten, als Autos noch nicht überwiegend aus Plastik und Überwachungselektronik bestanden, sondern aus Metall, das man schweißen konnte. Einer dieser Autohändler – bzw. seine Werkstatt – hatte sogar mal einen Auftritt im Fernsehen. Hier habe ich damals darüber berichtet.

Möglich ist allerdings, daß das Kfz-Gewerbe dort auch ohne die Kündigungen keine große Zukunft mehr gehabt hätte, werden wir doch demnächst wohl nicht mehr auf den Straßen fahren, sondern kleben.


Begonnen hat der Umbau der Gegend zur städtebaulichen Peinlichkeit, die jedem lebendigen Wesen die Luft zum Atmen noch wirksamer nimmt als jeder Maskenzwang, wohl mit dem Bau des Fernbahnhofs Südkreuz. Genau wie der neue Hauptbahnhof, so wurde auch dieser Bahnhof an einer Stelle errichtet, wo es zwar kaum nennenswerten Beförderungsbedarf gab, dafür aber massenhaft ungenutzte Fläche, die der Ausbeutung harrte. Auf beiden Seiten des Bahnhofs Südkreuz wurden Parkhäuser hochgezogen, von denen das auf der Nordostseite noch nie ein Auto gesehen hat (weil nur zu Fuß erreichbar) und stellenweise heute schon aussieht wie eine Bunkerruine aus dem zweiten Weltkrieg. Die Hoffnung, ein geiler angelsächsischer Name („Park+Ride“) würde reichen, um Autofahrer zum Umstieg auf die marode Bahn zu motivieren, erfüllte sich allem Anschein nach nicht.


Zwei Jahre nach der Eröffnung des Bahnhofs fielen fünf Buchstaben der Leuchtreklame über dem Haupteingang herunter und den Reisenden zum Glück nur vor die Füße statt auf den Kopf.


Entworfen wurde der Fernbahnhof Südkreuz von Max Dudler, einem „Schweizer Architekt [sic] von internationalem Rang“ (Wikipedia), der auch an anderer Stelle in Berlin mehr als genug Spuren hinterlassen hat. Wenn ich mir einige Entwürfe Dudlers so ansehe, dann fällt mir unwillkürlich als erstes das Adjektiv „menschenverachtend“ ein. Haben herkömmliche moderne Architekten die Menschen gerne in Schuhkartons verstaut, so sperrt Dudler und seinesgleichen sie ein hinter Gitterstäben aus Beton. Das ist nicht nur zum Erbrechen monoton, sondern es ist Gefängnisarchitektur, und das Positivste, was man über diese Art des Bauens sagen kann, ist, daß sie den Zustand unserer heutigen Gesellschaft und die Einstellung der Herrschenden gegenüber den Menschen perfekt widerspiegelt.

Was aber noch trauriger ist: die meisten Menschen scheinen gar kein Problem mit dieser Käfighaltung zu haben. In den einschlägigen Foren mega-geiler Jungarchitekten wird jeder neue Käfig gefeiert, und der Homo sapiens an sich und als solcher, diese Krone der Schöpfung, tut offenbar nichts lieber als brav in seinem Verschlag auszuharren wie Schlachtvieh, oder wie ein Schoßhündchen Männchen zu machen für die Herrschenden, solange man nur noch ein bißchen Futter hingeworfen bekommt und ein paar bunte Lügenbildchen aus der Glotze und dem Handy purzeln. (Seit „Corona“ kann diese Neigung der Masse wohl als amtlich betrachtet werden.)


Inzwischen folgt nahezu jedes Neubauprojekt in Berlin dem neuen brutalen Stil, sofern es sich nicht gerade um Heile-Welt-Disneyland-Kitsch-Objekte wie das Stadtschloß handelt. Auch am Hauptbahnhof, dem großen Bruder des Südkreuzes, ist das der Fall. Wir blicken hier über die Rahel-Hirsch-Straße auf die Ella-Trebe-Straße, von der nach links die Bertha-Benz-Straße, die Ilse-Schaeffer-Straße und die Agnes-Zahn-Harnack-Straße abgehen. Die Katharina-Paulus-Straße, die Clara-Jaschke-Straße, die Emma-Herwegh-Straße, die Elisabeth-Abegg-Straße, die Alice-Berend-Straße und die Ingeborg-Drewitz-Allee lasse ich jetzt mal außen vor. (Wenn Sie, geneigter Leser, das für einen müden, blöden Witz halten, dann täuschen Sie sich, denn es ist grausame Realität, und ich hätte nie gedacht, daß die Überwindung der patriarchalischen Gesellschaft eine so anheimelnde Atmosphäre mit sich bringen würde, wie wir sie dort heute finden.)


Die Straße, an der das Südkreuz-Manhattan nun, ausgehend von der Gotenstraße, weiterwuchern soll, heißt übrigens Ella-Barowsky-Straße. Auch sie strahlt jetzt schon die mütterliche Wärme einer Renate Künast oder Katrin Göring-Eckardt aus.


In diesem Block zum Beispiel wurde vorgestern eine Einrichtung namens „Lebensort Vielfalt“ eröffnet.

Und wie sah es auf diesem Grundstück vorher aus? – Es war ein Stück Natur, eine kleine Oase des Lebens und der Vielfalt, ein Rückzugsort für viele Tier- und Pflanzenarten und auch Menschen, die abseits von der Masse einmal Luft holen und sich dieser Vielfalt erfreuen wollten.


Manchmal, wenn Bill Gates und die Seinen etwas zu wenig bunte Chemikalien in die Atmosphäre haben sprühen lassen, so daß ein paar schräge Sonnenstrahlen auf die oberen Etagen des Hochhauses am Sachsendamm fallen können, welches sich „Vattenfall“ nennt, dann können wir sehen, wie die Plastikverkleidungen und die großen Plexiglasscheiben sich langsam wellen und in der Sonne dahinschmelzen, noch bevor das Gebäude überhaupt vollständig bezogen ist. Aber warum sollte man heute auch noch für die Zukunft bauen, wo doch die nächste Gentechnikspritze für alle schon in den Startlöchern steht?

Die kränksten Jahre der Menschheit LII -
Heute: Lese Brief

In einer von der GRÜNEN LIGA Berlin e. V. herausgegebenen Zeitung namens Der Rabe Ralf hat die Person Marcos Cramer aus Dresden folgenden Leser*innenbrief veröffentlichen lassen:

Als nichtbinäre Person ist es mir wichtig, dass geschlechtsneutrale Begriffe für mich verwendet werden. Der Genderstern ist aber in der Einzahl häufig viel zu umständlich, zum Beispiel: Der*die Schüler*in hat eine*n spanische*n Nachbar*in.

Im Laufe der letzten zwei Jahre hat eine Gruppe von Menschen, denen leicht aussprechbare geschlechtsneutrale Sprache wichtig ist, das De-e-System als Lösungsansatz entwickelt. Der genannte Satz lautet in diesem System wie folgt: De Schülere hat ein spanische Nachbare. Ich denke, dass das De-e-system langfristig mehr Chancen als der Genderstern hat, Teil des spontanen mündlichen Sprachgebrauchs zu werden.

Mehr Infos zu dem Vorschlag gibt es hier: www.geschlechtsneutral.net

Die kränksten Jahre der Menschheit LI

Die Universität der Künste Berlin (UdK) veranstaltet am kommenden Wochenende ihre „Tage der offenen Tür“. Wer bisher glaubte, bei dieser Einrichtung handele es sich um eine Universität und keine Klapse, der kann sich hier eines Besseren belehren lassen.

Bach und so

Ist Johann Sebastian Bach ein Barock-Komponist? Eigentlich nicht. Von höfischem Tralala ist seine Musik ähnlich weit entfernt, wie die heutigen Zeugen Coronas vom gesunden Menschenverstand. Für Albert Schweitzer war Bachs Musik „vollendete Gotik“. Eigentlich aber ist sie zeitlos.

Wißt Ihr übrigens, wie Bach gestorben ist? 1750 unterzog er sich einer Augenoperation durch den britischen Star-Mediziner John Taylor, dessen Wirken laut Samuel Johnson ein Paradebeispiel für medizinische Überheblichkeit und Dummheit darstellte („an instance of how far impudence may carry ignorance“). „Doch diese [Operation], ungeachtet sie noch einmal wiederholet werden mußte, lief sehr schlecht ab. […] Sein, im übrigen überaus gesunder Cörper, wurde auch zugleich dadurch, und durch hinzugefügte schädliche Medicamente […] gäntzlich über den Haufen geworfen.“ So wurde der wohl größte Komponist aller Zeiten mutmaßlich ein frühes Opfer von Medizin und Pharmamafia und wies auch damit bereits auf unsere heutige Zeit voraus.

Das „Praeambulum“, das ich zur Feier dieses Tages für Euch auf der Orgel zu buchstabieren versuche, gilt eigentlich als Klavierstück (obwohl es zu Bachs Zeit unser heutiges Klavier noch gar nicht gab). Ich finde allerdings, daß dieses Stück auf der Orgel noch wesentlich besser klingt. Erst dort wird nämlich deutlich hörbar, wie kunstvoll die Klänge hier übereinandergeschichtet sind.

Praeambulum BWV 930, gespielt von Alexa Kaufhof

Wenn Sie sich nach der Einnahme dieses Arzneimittels nicht besser oder gar schlechter fühlen, wenden Sie sich an Ihren Arzt. Bitte beachten Sie auch die Lücke zwischen Bahnsteigkante und Zug. Mind the gap between platform and train.

Im übrigen ist meine Weihnachtsbotschaft diesmal sehr kurz. Sie lautet:

Wenn ich mir die heutige Menschheit so ansehe, dann weiß ich nicht mehr, ob ich weinen oder kotzen soll!

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